Ätherische Öle sind ein Charakter-Rohstoff, kein Wirkstoff
In der kosmetischen Formulierung werden ätherische Öle oft als "Wirkstoffe" behandelt; in einer Leave-on-Creme ist Lavendel- oder Teebaumöl jedoch in erster Linie ein Duft- und sensorischer Charakter-Rohstoff und sollte regulatorisch wie ein Duftstoff behandelt werden. Die Unterscheidung ist wichtig: Positioniert man einen Rohstoff als "Wirkstoff", übernimmt man die Beweislast für Claims; positioniert man ihn als Duftstoff, übernimmt man die IFRA- und Allergendeklarationspflicht. Der richtige Ausgangspunkt für den Formulierer ist, die funktionale Rolle des Rohstoffs in der Rezeptur zu klären.
Cosmetic-Grade vs. Therapeutic-/Aromatherapie-Grade
Im Handel mit ätherischen Ölen sind Begriffe wie "therapeutic grade" Marketingbegriffe, keine rechtliche Klasse. Die für einen Kosmetikformulierer wirklich relevanten Parameter sind:
- Botanische Identität und Chemotyp: Gattung, Art und ggf. Chemotyp (z. B. Rosmarinus officinalis ct. cineol vs. ct. verbenon) sollten ausgewiesen sein.
- GC/MS-Profil: Bereiche der Hauptbestandteile (z. B. Linalool/Linalylacetat bei Lavendel) chargenweise dokumentiert.
- Passung zum Kosmetikdossier: Allergengehalt, CAS/EINECS, Schwermetall- und Pestiziderwartungen durch die Spezifikation erfüllt, mit ordentlichem SDB.
Entscheidend für die kosmetische Anwendung ist nicht ein "therapeutischer" Claim, sondern reproduzierbare Zusammensetzung und vollständige Dokumentation, denn die Sicherheitsbewertung (PIF/CPSR) beruht auf diesen Daten.
Oxidation: Das stille Stabilitätsproblem
Die meisten ätherischen Öle enthalten Mono- und Sesquiterpene; insbesondere Limonen und andere Terpene reagieren mit Sauerstoff zu Peroxiden. Oxidierte Zitrus- und Kiefernderivate tragen ein weit höheres Sensibilisierungsrisiko als das frische Material. Praktische Maßnahmen:
- Frische Chargen mit niedrigem Peroxidwert wählen und den Wert beim Wareneingang prüfen.
- Tocopherol (Vitamin E) oder ein geeignetes Antioxidationssystem im Endprodukt einsetzen.
- Headspace und Lichteinwirkung durch Verpackung reduzieren — vorzugsweise opakes oder UV-schützendes Glas/Airless.
- Für zitruslastige Düfte kürzere Haltbarkeit und kühle Lagerung empfehlen.
In der Stabilitätsprüfung nicht nur Duftverschiebung, sondern auch Farbe und Peroxidwert überwachen.
IFRA-Standards und Einsatzmengen
Ätherische Öle sind keine Einzelstoffe, sondern Mischungen aus Dutzenden Duftmolekülen. IFRA-Standards legen für bestimmte beschränkte Moleküle (z. B. einige Citral-, Citronellol- oder Cumarinquellen) Höchstmengen je Produktkategorie fest. Der Formulierer muss nicht den "Ölanteil", sondern die finale Konzentration des beschränkten Moleküls im Produkt berechnen. Die IFRA-Konformitätserklärung und der Allergen-/Bestandteilsnachweis des Lieferanten sind die Grundlage dieser Berechnung.
Eine allgemeine Orientierungstabelle (ersetzt keine finale Sicherheitsbewertung):
| Produkttyp | Typische Gesamtmenge ätherisches Öl |
|---|---|
| Leave-on-Gesichtspflege | 0,1 – 0,5 % |
| Körperlotion / Creme | 0,2 – 1,0 % |
| Rinse-off (Duschgel, Shampoo) | 0,5 – 2,0 % |
| Rinse-off-Seifenbasen | 1,0 – 3,0 % |
In Leave-on-Produkten werden die Mengen wegen des langen Hautkontakts niedrig gehalten; Rinse-off-Produkte vertragen mehr.
EU-26-Allergendeklaration
Nach der EU-Kosmetikverordnung müssen ausgewiesene Duftstoffallergene (die klassische Liste; Linalool, Limonen, Citronellol, Geraniol, Eugenol, Cumarin u. a.) bei Überschreitung des Schwellenwerts gesondert auf dem INCI-Etikett deklariert werden. Schwellenwerte:
- 0,001 % (10 ppm) in Leave-on-Produkten
- 0,01 % (100 ppm) in Rinse-off-Produkten
In der Praxis bedeutet das, den prozentualen Allergennachweis des Lieferanten mit der Öldosierung in der Formel zu multiplizieren und mit dem Schwellenwert zu vergleichen. Die Lieferantendokumentation für neu hinzugefügte Allergene aktuell zu halten, liegt in der Verantwortung des Formulierers.
INCI- und Kennzeichnungsdenken
Ein ätherisches Öl erscheint im INCI meist unter seinem botanischen Namen (z. B. Lavandula Angustifolia (Lavender) Oil) oder, als Teil einer Duftmischung, unter "Parfum/Fragrance"; in beiden Fällen werden die deklarierten Allergene zusätzlich gelistet. Natürlichkeit befreit nicht von der Allergendeklaration — einer der häufigsten Fehler von Naturkosmetikmarken.
Eine praktische Formulierungs-Checkliste
- Sind botanischer Name, Chemotyp und Chargen-/Erntedaten klar?
- Sind GC/MS-Profil und Allergenprozente dokumentiert?
- Wird der Peroxidwert beim Wareneingang gemessen?
- Sind ein Antioxidans und geeignete Verpackung eingeplant?
- Sind IFRA und die 26-Allergen-Berechnung im Endprodukt verifiziert?
Mit korrekter Dosierung und Dokumentation verleihen ätherische Öle einer Formel sowohl Charakter als auch Marktdifferenzierung. Mit einem Lieferanten zu arbeiten, der vollständige Spezifikationen, GC/MS- und Allergennachweise liefert, heißt, sowohl das Sicherheitsdossier als auch die Haltbarkeit ernst zu nehmen. Wenn Sie dokumentierte Chargen und technische Daten benötigen, steht Ihnen unser Team zur Verfügung.